AUSSCHNITTE AUS DEM SCRIPT
DIE KERKERSZENE
 

Erzähler: Jede mittelalterliche Stadt hatte ihre Freistätten. Im mittelalterlichen Leben waren die Freistätten Inseln im Meer der weltlichen Gerichtsbarkeit – wer sie erreichte, war gerettet.  Die Unverletzlichkeit einer Freistatt konnte nur im Staatsinteresse und auf besonderen Beschluß des Parlamentes aufgehoben werden. Praktisch geschah dies jedoch nur, wenn eine einflußreiche Person ein unbedingtes Interesse am Tod eines Flüchtlings hatte. Warum sonst hätte man sich die Mühe machen sollen, die Freistatt zu verletzen? Der Flüchtling konnte sie nicht verlassen; er war in ihrem Schutz wie auf einer einsamen Insel gefangen. Das Rad und der Galgen lauerten stets wie Haie neben den Freistätten, und hätte ein Flüchtiger auch nur einen Fuß vor seine Zufluchtsstätte gesetzt, er wäre unweigerlich eine Beute des Henkers geworden.. So war es durchaus nicht selten, dass Flüchtlinge in einer Freistatt – sei es nun eine Kirche, die Treppe eines Palastes oder sonst ein Ort – alt und grau wurden. Besonders Kirchen hielten daher meist eine kleine, abgelegene Zelle für Flüchtlinge bereit. Die Flüchtlingszelle von Notre-Dame lag in einem der Türme, oben auf dem Dach.  Sie war ein kleiner gemauerter Raum, nur mit einer harten Bettstatt versehen. Oft heulte dort oben der Wind, aber die Vögel kamen den Flüchtling besuchen, und Paris lag weit unten. Hierhin wurde die bewußtlose Esmeralda von Quasimodo getragen; ihre Ziege ging stumm und ängstlich nebenher. Sanft wurde Esmeralda von Quasimodo auf die Bettstatt gelegt. Langsam kam sie wieder zu sich; sie schlug die Augen auf und blickte Quasimodo an. Ihre Gefühle schwankten zwischen Dankbarkeit gegenüber ihrem Retter und Abscheu gegenüber seiner Gestalt.

Esmeralda murmelt: Ist das ein Traum … oder ein neuer Albtraum …

Quasimodo freundlich: Bleibt nur sitzen – ruht Euch aus.

Esmeralda voll Angst und verwirrt: Warum … warum habt Ihr mich gerettet?

Quasimodo freundlich: Ihr habt Angst vor mir, nicht wahr? Ich bin sehr häßlich. Seht mich nicht an – hört nur auf das, was ich Euch sage. Tagsüber müßt Ihr hier in Eurer Zelle bleiben. Ihr könnt die Tür nicht verriegeln, aber das macht nichts. Außer mir kommt keiner hier herauf. Nachts könnt Ihr auf dem Dach spazieren gehen. Aber zu keiner Zeit – niemals – dürft Ihr die Kirche verlassen. Man würde Euch töten! Und ich … ich würde auch sterben.

Esmeralda unsicher: Aber warum habt Ihr mich gerettet?

Quasimodo: Ich bin taub. Doch Ihr könnt mit Euren Händen und Eurem Gesicht sprechen; der Priester tut das so mit mir. Ich werde rasch lernen, Euch Eure Wünsche von den Lippen abzulesen.

Esmeralda lächelnd, sehr deutlich und betont: Dann sagt mir, warum Ihr mich vor dem Galgen gerettet habt.

Quasimodo: Ah, Ihr fragt, warum ich Euch gerettet habe. Ihr habt vielleicht schon vergessen, dass ich Euch eines Nachts entführen wollte. Als ich dafür ausgepeitscht am Pranger stand, brachtet Ihr mir einen Schluck Wasser und ein wenig Mitleid. Mein Leben ist nicht genug, um Euch das zu vergelten. Ihr habt mich Elenden vielleicht vergessen – aber ich habe Euch nicht vergessen.

Esmeralda mit zitternder, erleichterter Stimme: Ich danke Euch!

Quasimodo: Legt Euch schlafen. Ich werde auf Euch aufpassen. Wenn Ihr etwas braucht – ich bin immer in Eurer Nähe.

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